Petra Schlitt

(Über)Lebenstipps für alle, die sich um ihre Eltern kümmern.

Du kümmerst dich um deine pflegebedürftigen Eltern – und dir wächst alles über den Kopf?

Hier gibt es Informationen, Praxistipps und jede Menge Verständnis für dich und deine Situation.

70 Jahre Kriegsende: Was bedeutet das für dich und das Verhältnis zu deinen Eltern?

70 Jahre Kriegsende: Was bedeutet das für dich und das Verhältnis zu deinen Eltern?

Das Kriegsende vor 70 Jahren beherrscht aktuell die Medien. Doch was hat das alles mit dir und  deinen Eltern zu tun? Die Ereignisse von damals beeinflussen dein Leben vielleicht mehr als du denkst, denn viele Konflikte mit ihnen können ihren Ursprung in dieser Zeit haben.

Ich möchte dir heute etwas über die Rolle der Kriegskinder und Kriegsenkel erzählen und die gemeinsame Verstrickung in die lange zurückliegenden Kriegsereignisse. Und ich möchte dir zeigen, was du daraus für den Umgang mit deinen Eltern lernen kannst.

Kriegskinder:

Die Kinder, die zwischen 1927 – 45 geborenen wurden, werden auch als Kriegskinder bezeichnet. Bombenangriffe, der Tod von Angehörigen, Vergewaltigungen, Flucht und Vertreibung, der Verlust der Heimat und das Gefühl, als Flüchtling der letzte Dreck zu sein, unwillkommen und abgewiesen von den eigenen Landsleuten – all das hat diese Generation als Kind miterlebt.

Einige von ihnen sagen: „Zum Glück war ich damals so klein und kann mich nicht mehr daran erinnern!“ Aber sie mussten als kleines Kind schon für die eigenen Eltern stark sein und diese trösten und emotional unterstützen. Auch wurden sie noch mit der Nazi-Ideologie erzogen: Kinder muss man schreien lassen, bloß keine Zärtlichkeit oder Gefühle zeigen, abhärten!

Andere schweigen. Sie haben so grausame Dinge erlebt, dass sie es als einzigen Ausweg sahen, die schmerzhaften Erlebnisse zu verdrängen, vieles davon ist tief im Unterbewusstsein abgespeichert.

Die Verdrängung führte zu einem Leben an der Oberfläche – genauer hinsehen war zu schmerzhaft. Bloß nicht zurückschauen und keine Gefühle zeigen.

Denn in der Nachkriegszeit hieß es: Trauern verboten!

Im Nachkriegsdeutschland wurde über das Erlebte nicht gesprochen. Niemand durfte über die erlittenen Verluste und zugefügten Grausamkeiten trauern. Zu groß war das Gefühl der alles überlagernden Schuld durch den von den eigenen Eltern verursachten Holocaust.

Die kollektive Sprachlosigkeit fand ihr Ventil im Blick nach vorne. Sich anpassen, Neues aufbauen, Sicherheit schaffen. Materieller Wohlstand sollte alles andere vergessen machen. Und ihre Kinder sollten es einmal besser haben.

Kriegsenkel:

In dieser Atmosphäre sind die Kriegsenkel aufgewachsen. Die zwischen 1950 und 1975 Geborenen spüren die Auswirkungen der traumatischen Erlebnisse noch heute. Auch sie haben oft schon früh die Hilflosigkeit der eigenen Eltern gespürt und waren damit überfordert.

Viele von ihnen fühlten sich von ihren Eltern nie verstanden oder wirklich gesehen. Sie litten und leiden unter der Sprachlosigkeit ihrer gefühlskalten Mütter oder der emotionalen Kälte ihrer unnahbaren Väter. Die Unfähigkeit, Gefühle zu zeigen, eine übersteigerte Harmoniesucht und das Ausweichen von Konflikten waren an der Tagesordnung.

Die Kriegsenkel reagierten darauf entweder  mit  Überangepasstheit, Ehrgeiz und großem Verantwortungsgefühl oder mit Rebellion und kompletter Ablehnung der Eltern.

Sie haben sehr früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen und zwischen den Zeilen zu lesen. Viele von ihnen haben ein besonderes Gespür für zwischenmenschliche Töne, Bedürfnisse und Gefühle entwickelt. Manche haben das diffuse Gefühl, den Eltern gegenüber etwas gutmachen zu müssen oder sie für erlittene Verluste entschädigen zu wollen.

Viele Kriegsenkel entwickelten auch das Gefühl, nicht dazuzugehören, ständig mit angezogener Handbremse unterwegs zu sein, keinen eigenen Platz im Leben zu finden und keine eigenen Wurzeln zu haben. Auch haben sie selbst ein großes Bedürfnis nach Sicherheit.

Heute weiß die Traumaforschung: Traumatische Erfahrungen können über Generationen hinweg weitergegeben werden, vor allem wenn sie verdrängt und verschwiegen werden. Sie wirken im Verborgenen weiter und zeigen sich auch bei den Nachfahren, die diese Erlebnisse selbst nicht mitbekommen haben.

Was bedeutet das für dich und das Verhältnis zu deinen Eltern?

Jetzt, wo deine Eltern älter werden, kann es sein, dass sich die altbekannten Konflikte noch verschärfen. Denn zusätzlich verhalten sie sich immer merkwürdiger. Ein Grund dafür: Die lange verdrängten Erlebnisse und Emotionen kommen wieder hoch.

Ein Blick auf die Kindheitserfahrungen hilft dabei, vieles besser zu verstehen.

Das Sicherheitsbedürfnis und die Befürchtung, in Zukunft nicht mit allem versorgt zu sein, führen zum Beispiel dazu, nichts wegschmeißen zu können. Das sieht man dann an der bis zur Decke vollgestopften Wohnung mit selbst eingekochter Erdbeermarmelade von 1974, verschimmelten Essensresten im Kühlschrank, Zeitungsschnipseln und überall verteilten Notizzetteln.

Oder es zeigen sich unerklärliche Ängste:  vor Donner oder Feuerwerk, der Angst im Dunkeln, davor, jemanden aus den Augen zu verlieren oder vor „dunklen Männern, die vor dem Fenster stehen“.

Was bringt dir dieses Wissen?

Erleichterung:

Vielen hilft die Erkenntnis: „Ich bin nicht alleine, es geht vielen so. Es gibt eine Ursache und eine Erklärung dafür, dass meine Eltern sich mir gegenüber so verhalten und dass ich mich so fühle.“

Verständnis:

Für die eigene Situation. Und für die Situation der Eltern. Gerade bei immer wiederkehrenden Konflikten hilft es, sich diese genauer anzuschauen. Vielleicht entdeckst du ein Muster darin, das dir hilft, das Thema einmal aus einem anderen Blickwinkel zu sehen.

Es lohnt sich, auf eine Spurensuche in die Vergangenheit aufzubrechen. Wir haben dadurch auch die Chance, uns mit unseren eigenen Wurzeln zu befassen. Lass dir einmal erzählen, wie es war, als deine Eltern klein waren, frage nach und finde einen Zugang zu dem Kind, das sie einmal waren, mit all seinen Wünschen, Träumen und Hoffnungen.

Dadurch entwickelst du ein neues Verständnis für das Erleben und Handeln deiner Eltern – und das hilft ihnen und dir.

Versöhnung:

Das Wissen um die Geschichte und die Erlebnisse deiner Eltern machen die Verletzungen und Kränkungen nicht ungeschehen. Aber vielleicht trägt es dazu bei, dich deinen Eltern mit einem neuen, versöhnlichen Blick zu nähern.

Sollte das nicht gelingen, so schaffst du es vielleicht, dich mit der Situation auszusöhnen: „Auch wenn sie mir nicht das geben konnten, was ich mir gewünscht hätte – sie waren mir die beste Mutter, der beste Vater, die sie sein konnten!“ Bei all dem Schmerz hat dieser Gedanke etwas Tröstliches.

Hier findest du weitere Informationen zum Thema Kriegskinder und Kriegsenkel:

Welche Erfahrung hast du mit deinen Eltern gemacht. Gibt es Beispiele, die vielleicht mit deren lange zurückliegenden Erlebnissen zu tun haben könnten? Ich freue mich über deinen Kommentar!

Und wenn du das Gefühl hast, dass du alleine nicht mehr weiterkommst, dann schau dir doch mal mein Coachingpaket für Elternkümmerer an. In dieser Beratung unterstütze ich dich bei deinem ganz persönlichen Thema. Hier kannst du einen Termin für ein Kennenlerngespräch vereinbaren.

10 Kommentare zu 70 Jahre Kriegsende: Was bedeutet das für dich und das Verhältnis zu deinen Eltern?

    • Danke dir, liebe Ingrid!
      Ich wünsche mir sehr, dass die Auseinandersetzung mit diesem Thema etwas Erleichterung in die Eltern-Kind-Beziehung bringt.
      Herzliche Grüße
      Petra

  1. Oh ja gutes Thema. Ich sehe es im privaten und der Praxis. Die einen haben Hunger gelitten und können nichts wegschmeissen schlecht loslassen und die anderen sind vertrieben traumatisiert. Finden keine Ruhe. Sehr schwierig für unsere Generation darsn zu gehen. Danke Dir

    • Danke dir Susanne! Diese Thema begegnet uns jetzt immer mehr und die Auswirkungen sind so unterschiedlich. Ich finde es vor allem wichtig, überhaupt erst mal darüber zu reden und ein Bewusstsein dafür zu schaffen.

      Herzliche Grüße
      Petra

  2. Liebe Petra,

    dein Artikel hat mir die Tränen in die Augen getrieben. Ich habe mich schon viel mit meiner Vergangenheit und der meiner Eltern beschäftigt, und sehr Vieles davon ist geheilt. Mein Kontakt zu meinen Eltern ist besser und inniger als je zuvor.
    Trotzdem hat mich dein Artikel sehr berührt, weil er noch einmal ein tieferes Verständnis für meine Eltern hervorgerufen hat.

    Herzlichen Dank dafür.

    Alles Liebe,
    Petra

    • Liebe Petra,

      danke dir für deine lieben Worte! Ich freue mich, dass mein Artikel dich berührt hat. Auch mir geht es oft so, dass man vieles weiß, oder auch schon gelesen hat. Aber manchmal gibt es dann einen besonderen Impuls, der einen innehalten lässt. Und man merkt – wie viel das Thema wirklich mit einem selbst zu tun hat. Auch für mich bringt die Beschäftigung mit der Kindheit meiner Eltern immer wieder neue Erkenntnisse.

      Herzliche Grüße
      Petra

  3. Liebe Petra

    Was für ein aufwühlendes und wichtiges Thema. Gerade auch bei uns in der Schweiz liegt ein grosses Schweigen über Kriegserfahrungen aus Deutschland. Besonders eingewanderte, direkt kriegsbetroffene Menschen und ihre Nachkommen finden wenig Gehör und Beachtung mit diesem Thema.

    Herzlichen Dank und liebe Grüsse Doris

    • Liebe Doris,
      danke dir für deine Worte. Besonders interessant finde ich, dass das Thema auch Menschen in der Schweiz betrifft. Ich hatte es eher für ein nur deutsches Thema gehalten. Ist aber eigentlich sehr einleuchtend – es gibt dafür einfach kein Forum. Um so wichtiger ist es, das erlittene Leid und die Auswirkungen zu sehen.
      Herzliche Grüße
      Petra

  4. Liebe Petra,
    endlich habe ich etwas Zeit gefunden mich mit deinem Blog richtig zu beschaffen. Der Artikel zum Kriegsende hat mich dann auch gleich sehr bewegt.
    Ich denke das auch in meiner Familie dieses Phänomen eine Rolle gespielt hat bzw. spielt. Insbesondere meine Mutter, hat über ihre Erlebnisse kaum gesprochen und ist Fragen dazu eher ausgewichen. Als Kind hört man dann irgendwann auf zu Fragen, wenn man sieht wie die Mutter darauf reagiert. Ich habe schnell, genau wie du schreibst, ein empathisches Empfinden dafür entwickelt, was wann welche Reaktion bei ihr auslöst.
    Dieses Verdrängen hat meine Mutter krank gemacht. Als ich alt genug, konnte ich mir ihr Verhalten bzw. ihren Zustand erklären. Aber leider hat dies in all den Jahren keiner der Ärzte interdisziplinär betrachtet und nur Symptome behandelt. Leider bleiben viele meiner Fragen nach ihrem Tod unbeantwortet. Aber ich bin froh schon früh diesen Zusammenhang zu ihrem frühen Erlebnissen erkannt zu haben. So konnte ich ihr letztendlich immer mit tiefer Liebe begegnen, egal wie sie war.
    Ich danke dir für diesen Artikel, der mich wieder meine Gefühle für meine Mama spüren lässt. Ganz lieben Gruß und mach weiter so!!!

  5. Ich kenne die Bücher und beschäftige mich im Rahmen der Demographie und Kommunikation mit diesen Themen. Ich finde deinen Beitrag hervorragend, einfühlsam und einleuchtend geschrieben.
    Gesunde Grüße aus Wiesbaden
    Dagmar

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