Petra Schlitt

(Über)Lebenstipps für alle, die sich um ihre Eltern kümmern.

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Meine Großmütter – meine Ahninnen

Meine Großmütter – meine Ahninnen

Heute lade ich euch ein, mit einem neuen Blick auf eure Großmütter, euren Ahninnen zu schauen und zu überlegen, was sie mit eurem Leben heute zu tun haben. Dieser Artikel ist ein Beitrag zur Novemberblogaktion von Petra Schuseil und Annegret Zander und ihrem Totenhemd-Blog

Kommt, wir setzen uns zusammen in die Küche meiner Großmutter, laden noch mehr Frauen dazu ein und machen es uns so richtig gemütlich und erzählen. Der Kohleofen bollert, die Kerzen brennen, draußen ist es dunkel und die Scheiben sind beschlagen. Alle reden durcheinander und doch greift jede einen Gesprächsfaden auf und verwebt ihn in ihrer nächsten Geschichte. Wir lachen, sind wehmütig, traurig und sehnsuchtsvoll.

Es dauert nicht lange, und schon singen wir die schaurige Geschichte von „Sabinchen war ein Frauenzimmer“ oder das herzzerreißende „Mariechen saß weinend im Garten“. Die schlesischen Gedichte vom Riesengebirge und Rübezahl sind natürlich auch mit dabei. Ich sitze mittendrin auf der Ritsche, einem kleinen Fußhocker.

So habe ich in meiner Kindheit einige Abende mit meinen Großmüttern verbracht. Viele
Erinnerungssplitter und immer eine Ahnung, ein Gefühl von Heimat.

Die Ahnung, die Ahnen. Erst jetzt wird mir so langsam bewusst, in welcher Reihe von Frauen ich mich befinde, und was das für ein Schatz ist, den ich in mir trage. Enkel heißt im Germanischen „kleiner Ahne“ und ich frage ich mich, was ich von meinen Ahninnen in mir weitertrage.

Oma war so wunderbar pragmatisch und erfinderisch. Sie hatte den Schalk im Nacken sitzen und konnte sich aus jeder Situation herausreden. Sie hat mir das Stricken und Häkeln beigebracht und wir haben uns immer einen Spaß daraus gemacht, das fertige Stück gegenseitig nach Fehlern abzusuchen – irgendwo haben wir uns immer verzählt. Sie war auch die Kreuzworträtselkönigin: „Nordische Gottheit“ mit vier Buchstaben oder „fränkischer Hausflur“ mit drei Buchstaben gehörten fest zum Inventar. Und im Zweifelsfall lag das Volkslexikon von Bertelsmann schon parat.

Mit Omi (um Verwechslungen auszuschließen gab es bei uns eine Oma und eine Omi) konnte ich stundenlang den Quelle-Katalog wälzen und über die neue Mode fachsimpeln. Ich sehe sie immer vor ihrer Nähmaschine, den Fingerhut auf dem schmalen Finger und den Stopfpilz in der Hand. Sie war Schneiderin und ihre Spezialität waren Kleider, die „viel Wind machen“. Und von ihr stammt die Erklärung, wann genau denn Ostern ist: „Der erste Vollmondsonntag nach Frühlingsanfang“.

Viele wunderbare Erinnerungen – und doch gibt es so vieles, was ich nicht von ihnen weiß.

Ich würde mich gerne noch einmal mit ihnen in der Küche zusammensetzen und ihnen Fragen stellen:

  • Was waren eure Sehnsüchte? Was waren eure Wünsche an das Leben? Was war euch wichtig?
  • Wie habt ihr euch als Frau gefühlt? Was hat Weiblichkeit für euch bedeutet?
  • Was habt ihr euch damals für mich gewünscht? Welche Geschenke habt ihr mir in die Wiege gelegt? Was habe ich von euch geerbt?

Nach der Flucht und Vertreibung aus Schlesien musstet ihr euer Leben ganz neu aufbauen. Ein Leben, das ihr euch so nicht ausgesucht habt.

Eure Stärke, die habe ich von euch bekommen. Das Wissen – irgendwie finde ich immer einen Weg – egal wie. Das Gespür für ungeschriebene Gesetze und mein Einfühlungsvermögen.

Ach ja, und dass ich nichts wegwerfen kann und alles horte. Auch da spüre ich euren Einfluss auf mein Leben. „Das ist doch noch gut“, „das kann noch jemand brauchen“, „das ist zu schade zum Wegwerfen“. Aber ich glaube, das ist etwas, das ich jetzt an euch zurückgeben kann. Ihr habt gut für mich gesorgt und ich danke euch! Jetzt darf mehr Leichtigkeit in mein Leben kommen.

Ich merke, wie gut mir diese Annäherung tut und ich nehme mir vor, mich bewusst mit meinen Großmüttern zu verbinden, wenn ich wieder einmal nicht weiterkomme.

Was würde Oma wohl in dieser Situation machen?
Sie würde kurz überlegen, was sie an der Situation ändern kann und was nicht. Das eine würde sie akzeptieren und beim anderen würde sie einfach loslegen. Getan ist getan.

Wie würde sich Omi verhalten?
Erst mal eine Runde einkaufen gehen und sich hübsch machen. Dann kann man der Welt besser entgegentreten.

Je nachdem in welcher Stimmung ich bin, entscheide ich mich für das tatkräftige Loslegen oder erstmal eine Runde Wellness.

Beim Schreiben dieses Beitrags ist mir klar geworden, dass ich mich noch mehr mit meinen Großmüttern verbunden fühlen möchte. Ich glaube, ich werde die Anregung aus Elisabeth Mardorfs Beitrag zur Blogparade umsetzen und mich den beiden schreibend annähern. Fragen stellen und abwarten, welche Antworten kommen. Und ich werde eine Erinnerungsecke gestalten – Volkslexikon, Fingerhut und Stopfpilz liegen schon bereit.

Danke, Anna und Gertrud, dass ihr mir den Weg bereitet habt!

Dazu passend habe ich noch einen Buchtipp für dich. Die systemische Therapeutin Ingrid Meyer-Legrand zeigt in ihrem neuen Buch „Die Kraft der Kriegsenkel“, welche Ressourcen wir als Kriegsenkel entwickelt haben und wie uns das hilft, mit heutigen Herausforderungen besser umzugehen.

Was verbindest du mit deinen Großmüttern, deinen Ahninnen?
Ich freue mich auf deinen Kommentar.

7 Kommentare zu Meine Großmütter – meine Ahninnen

  1. Liebe Petra, gleich heule ich. Hast wohl mit mir in der Dachschrägen-Küchenstube meiner Oma gesessen was? 😉

    Ich erinnere mich an lustige Nachmittage mit ihren Freundinnen und meinen Onkels und Tanten am Küchentisch in Braunschweig: es gab Zuckerkuchen, Streuselkuchen, Bienenstich und den einzigartigen Braunschweiger Schokoladenkuchen gefüllt mit Vanillecreme und der fettesten Schokoglasur ever.

    Ich freue mich wirklich sehr dass wir ein Plätzchen für dich in unserer Blogaktion gefunden haben. Ich bin auch davon überzeugt dass wir, wenn wir uns mit unseren Ahninnen verbinden, eine große Kraft und weibliche Würde in uns blühen kann.

    Meine Oma Martha väterlicherseits hab ich leider nie kennengelernt … ihr Tod war für mich als Kleine immer sehr mysteriös. Sie ist früh krank gestorben da war mein Vater noch ein Knirps.

    Mit meiner Oma haben wir Canasta und Rommee gespielt. Und den Fingerhut an ihrer runzligen Hand den seh ich grad vor mir …..

    Danke für diese schönen Erinnerungssplitter.
    HG
    Petra

    • Liebe Petra,
      da bin ich ja auch ganz gerührt! Es freut mich sehr, dass dich der Artikel so berührt hat.

      Beim Schreiben habe ich gefühlt, wie ich immer tiefer in das Thema eintauchen konnte. Danke für eure Blogaktion, ohne die meine Worte bestimmt nicht so in die Welt gefunden hätten.

      In zwei Wochen bin ich übrigens in Braunschweig auf dem Weihnachtsmarkt – da werde ich mal nach „deinem“ Braunschweiger Schokoladenkuchen Ausschau halten 😉

      Herzliche Grüße von Petra zu Petra

  2. Liebe Petra, du sprichst mir aus der Seele.
    Auch wir Sterbeammen sind sehr darauf bedacht, gelebte Erinnerungskultur an zu regen. Du hast es so wunderbar beschrieben. Das materielle Band wird mit dem Tod durchtrennt, aber die Enden können durch Liebe und Erinnerungen wieder verwoben werden.
    Ich danke dir für deine wundervolle Arbeit.
    Britta

    • Liebe Britta,
      was für ein wunderschönes Bild vom Verweben der Enden zu einem Band der Erinnerung.
      Danke dir dafür.
      Herzlich
      Petra

  3. […] In der Reihe „Totenhemd-Blog“ von Petra Schuseil und Annegret Zander hat Petra Schlitt schon im November 2016 unter dem Ttel „Meine Großmütter, meine Ahninnen“ Bezug auf Meyer-Legrands Buch genommen, wobei auch sie betont, „welche Ressourcen wir als Kriegsenkel entwickelt haben und wie uns das hilft, mit heutigen Herausforderungen besser umzugehen.“ […]

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