Petra Schlitt

(Über)Lebenstipps für alle, die sich um ihre Eltern kümmern.

Du kümmerst dich um deine pflegebedürftigen Eltern – und dir wächst alles über den Kopf?

Hier gibt es Informationen, Praxistipps und jede Menge Verständnis für dich und deine Situation.

Demenz: „Ich will heim zu meiner Mutter!“ – Vier Wege, wie du darauf reagieren kannst

Demenz: „Ich will heim zu meiner Mutter!“ – Vier Wege, wie du darauf reagieren kannst

Menschen, die an Demenz erkrankt sind, wissen oft nicht mehr, wie alt sie sind oder wo sie wohnen. Wie kannst du ihnen richtig begegnen?

Viele altersverwirrte Menschen und Menschen mit Demenz wissen noch, wer sie sind, aber sie sind zeit- und ortsverwirrt. Wenn sie zum Beispiel ihre Mitbewohner im Pflegeheim sehen, sagen sie: „Es ist ja ganz nett, aber hier sind ja nur alte Leute.“

Heute möchte ich auf eine Frage eingehen, die mir in diesem Zusammenhang schon oft gestellt wurde.

Wie gehe ich als Tochter oder Sohn damit um, wenn mein alter Vater sagt: „Ich muss nach Hause zu meiner Mutter!“

Ganz wichtig ist es dabei, zu erkennen, dass sich hinter diesem Satz ein bestimmtes Bedürfnis verbirgt. Auch wenn dieser Wunsch für dich nicht logisch erscheint. Je besser du es schaffst, auf dieses Bedürfnis einzugehen, umso besser kann das Verhältnis zwischen dir und deinen alten Eltern sein.

Du solltest dich zunächst einmal fragen: „Worum geht es hier eigentlich? Was ist mir wichtig? Möchte ich objektiv Recht behalten, oder möchte ich ein vertrauensvolles Verhältnis zu meinem Vater, zu meiner Mutter aufbauen oder erhalten?“

Ich zeige dir vier unterschiedliche Möglichkeiten, diesem Wunsch zu begegnen – und welche Auswirkungen diese Reaktionen auf dich und deine Eltern haben.

1. Realitätsorientierung

Als Angehöriger ist dein erster Impuls häufig, deinen verwirrten Vater von der „richtigen“, deiner eigenen Realität zu überzeugen.

„Aber Papa, du bist doch hier zu Hause. Und überleg doch mal, wie alt du selbst bist. Dann müsste deine Mutter ja schon über 120 Jahre alt sein. Deine Mutter ist schon lange tot.“

Oft wird als Argument für den Einsatz dieser Realitätsorientierung genannt, dass das dem alten Menschen Struktur und Orientierung geben soll.

Aber das Gegenteil ist der Fall. Denn wenn dein Vater nach Hause zu seiner Mutter möchte, dann ist genau das seine objektive Realität.

Wenn du ihn dann korrigierst, schämt er sich, dass er das vergessen hat und, was noch viel schlimmer ist – er erlebt den Schock und die Trauer über den Tod der eigenen Mutter gerade so, als ob er zum ersten Mal davon erfährt. „Oh Gott, meine Mutter ist tot?!?“

Vielleicht wird er dich beschimpfen „Du lügst!“. Oder sehr traurig sein.

Und auch wenn er vielleicht nach kurzer Zeit vergessen hat, warum er so traurig ist, das Gefühl von Verlust und Trauer bleibt bestehen. Und das Gefühl, dass du irgendetwas damit zu tun hast.

2. Ablenken

Eine andere Möglichkeit der Reaktion kennst du vielleicht aus der Kindererziehung. Das Ablenken. Aber was bei Kindern gut funktioniert, führt bei verwirrten Menschen eher zur Frustration.

„Ja Papa, du willst heim zu deiner Mutter. Aber erst mal gibt es eine schöne Tasse Kaffee und dann machen wir einen kleinen Spaziergang. Schau mal, draußen scheint die Sonne und die Vögel singen.“

Bei dieser Reaktion fühlt sich dein Vater einfach nicht ernst genommen. Er will dringend nach Hause zu seiner Mutter und kann jetzt mit Kaffeetrinken und Sonnenschein wirklich nichts anfangen.

Wenn er das Gefühl hat, dass du ihn nicht ernst nimmst, wird er sich dir gegenüber immer mehr verschließen und nach und nach weniger von seinen Wünschen und Bedürfnissen erzählen.

3. Anlügen

Manchmal versuchst du vielleicht, dir mit einer Lüge weiterzuhelfen.

„Deine Mutter hat angerufen, sie kommt morgen vorbei. Ich habe sie vorhin noch gesehen“.

Mit dieser Variante kannst du deinen Vater vielleicht für den Augenblick beruhigen, aber das wird nicht lange anhalten. Denn auch wenn dein Vater das vielleicht nicht mehr bewusst erkennt, so spürt er irgendwie, dass das nicht stimmen kann.

Wenn er dann merkt, dass nichts passiert, ist er sehr enttäuscht.
Zum einen, weil seine Mutter doch nicht kommt und zum anderen von dir.

Durch diese Lüge wird das Vertrauensverhältnis zwischen euch beiden gestört. Es kann sein, dass sich dein Vater immer mehr zurückzieht und weniger spricht.

4. Empathisches Begegnen – Validation

Die Methode der Validation wurde von Naomi Feil in den 1960er-Jahren entwickelt. Sie beruht auf dem empathischen Einfühlen in die Welt des alten, verwirrten Menschen. Wenn du sie anwendest, fühlt sich dein Vater mit seinen Bedürfnissen verstanden.

Und wie funktioniert das?

Du nimmst die Aussage deines Vaters ernst und bringst ihn durch einfühlsames Nachfragen zum Erzählen. „Du willst nach Hause zu deiner Mutter? Wo wohnt sie denn? Wie sieht das Haus aus? Was willst du deiner Mutter sagen? Wie sieht deine Mutter aus?“

Sei mit diesen Fragen einfühlsam und kreativ. Und mache viele Pausen. Es wichtig, dass dein Vater ins Reden kommt. Dadurch fühlt er sich ernst genommen und er kann seine Gefühle und Bedürfnisse mitteilen.

Vielleicht hat er das Gefühl, dass er seiner Mutter noch etwas Wichtiges sagen muss? Vielleicht will er nach Hause, um sie zu trösten? Oder er hat ihr versprochen, zu Hause zu helfen?

Durch das Reden kann er lang angestaute Emotionen ausleben und mit sich selbst ins Reine kommen. Dein Vater wird erleichtert sein, dass du ihn ernst nimmst, und er die Möglichkeit hat, seine eigenen Gefühle auszudrücken. Er wird wissen, dass du jemand bist, der es gut mit ihm meint. Auch später, wenn er sich nicht mehr an euer Gespräch erinnern kann. Das wohlwollende, vertraute Gefühl bleibt.

Diese Variante erfordert ein wenig Übung, weil es eben nicht mehr darum geht, dass du Recht hast, sondern darum, die Realität deines Vaters anzuerkennen. Aber wenn es dir gelingt, so wird er dir weiterhin vertrauen und von sich und seinen Bedürfnissen erzählen. Und dafür lohnt es sich.

Hier noch eine Anmerkung von Eva Helms, der Stellvertretenden Vorsitzenden von Trotzdemenz e.V. : „Das Ausprobieren lohnt sich auf jeden Fall. Denn nur so stellt sich das tiefe Verbundenheitsgefühl ein, das Angehörige und Begleiter erleben können, wenn der Mensch mit fortgeschrittener Demenz sich ganz angenommen fühlt. Ein Gefühl, das die eigenen Batterien wieder auflädt.“

Wie das ganz praktisch aussehen kann, kannst du in diesem Lernvideo von alzheimer.ch sehen

Und wo bleibst du?

Bei all dem ist es aber auch sehr wichtig, dass du gut für dich selbst sorgst und es schaffst, dich regelmäßig mit anderen darüber auszutauschen. Denn es ist wirklich nicht einfach mitzuerleben, dass man sich mit dem eigenen Vater oder der eigenen Mutter nicht mehr so wie früher unterhalten kann. Und zu akzeptieren, dass eine neue Phase des Miteinanders begonnen hat.

Wenn du das Gefühl hast, dass du alleine nicht mehr weiterkommst, dann schau dir doch mal mein Coachingpaket für Elternkümmerer an. In dieser Beratung unterstütze ich dich bei deinem ganz persönlichen Thema. Hier kannst du einen Termin für ein Kennenlerngespräch vereinbaren.

Denn – gemeinsam kümmert es sich besser!
Deine Petra

PS: Und jetzt interessiert mich natürlich auch deine Erfahrung. Welchen Tipp hast du für uns? Ich freue mich auf deinen Kommentar.

13 Kommentare zu Demenz: „Ich will heim zu meiner Mutter!“ – Vier Wege, wie du darauf reagieren kannst

  1. Liebe Petra, das ist ein schöner Beitrag. Ich habe ja einen ganz ähnlichen Vortrag im Programm „Mutti kommt gleich – wie viel Ehrlichkeit braucht die Kommunikation“

    Vielleicht schreibe ich jetzt noch, dass sich das Ausprobieren von Variante 4 lohnt. Denn nur so stellt sich das tiefe Verbundenheitsgefühl ein, das Angehörige und Begleiter erleben können, wenn der Mensch mit fortgeschrittener Demenz sich ganz angenommen fühlt. Ein Gefühl das die eigenen Batterien wieder auflädt.

    Herzliche Grüße aus Dresden
    Eva

    • Liebe Eva,

      danke dir für die Anregung! Da hast du wirklich recht – es ist wirklich wunderbar, wenn man spürt, dass man sich mit dem Menschen mit Demenz emotional austauschen kann. Das werde ich noch in den Artikel mit reinpacken.

      Herzliche Grüße
      Petra

  2. Liebe Petra,

    vielen Dank für diese wertvollen Hinweise! Als ehrenamtliche Krankenhausseelsorgerin bekomme ich häufiger mit, dass sich demente Patienten gerade in so einer fremden Umgebung sehr unwohl fühlen und schnell unruhig werden. Da ist es gut zu wissen, womit das zusammenhängen und was in ihnen vorgehen kann – und vor allem, wie man auch als Außenstehender verständnisvoller und einfühlsamer damit umgehen kann.

    Liebe Grüße,
    Karin

    • Liebe Karin,

      es freut mich, dass ich dir einige Anregungen für deine Arbeit im Krankenhaus geben konnte. Und du hast recht – gerade das Krankenhaus ist für Menschen mit Demenz besonders beängstigend, weil sie aus ihrer gewohnten Umgebung und ihren bekannten Abläufen gerissen werden. Da ist es besonders hilfreich, jemanden an seiner Seite zu haben, der sich einfühlen kann. Gibt es noch anderes Verhalten, das dir aufgefallen ist und über das ich mal schreiben sollte?

      Herzliche Grüße
      Petra

      • Liebe Petra,

        wenn ich im Krankenhaus Menschen mit Demenz besuche, verstehen sie oft nicht, wo sie sind und warum. Manche äußern das so, dass sie sich gefangen gehalten und ignoriert fühlen, und/oder sie sind sehr unruhig, was gerade nachts dann oft die Mitpatienten stört. Schwierig ist manchmal auch, sich in Ruhe mit einem Patienten zu unterhalten, wenn ein dementer Mitpatient die Unterhaltung unterbricht, weil er z. B. seinen Bettnachbarn für jemand hält, den er kennt. Der eine Patient hat das Bedürfnis über seine Situation zu sprechen und versteht vielleicht das Verhalten des dementen Mitpatienten nicht, aber auf diesen sollte man ja auch entsprechend empathisch eingehen. Hast Du einen Rat, wie man in solchen Situationen allen Anwesenden am besten gerecht werden kann?

        Herzliche Grüße,
        Karin

        • Liebe Karin,

          ja, Demenz im Krankenhaus ist wirklich ein schwieriges Thema. Die ungewohnte Umgebung und andere Abläufe führen bei Menschen mit Demenz oft zu vermehrter Unruhe. Und auch das nächtliche Umherwandern kann zunehemen. Viele Krankenhäuser bieten an, dass Angehörige auch mit im Krankenzimmer übernachten können. Das wirkt natürlich sehr beruhigend.

          Zu deinem anderen Thema: Vielleicht könntest du eine gemeinsame Unterhaltung führen? Den Mitpatienten fragen, woher er denn den Bettnachbarn kennt und was er früher mal mit ihm gemacht hat.

          Vielleicht findest du ja auch etwas, ein Gesprächsthema, Fotos, Bildband oder Musik, mit dem beide etwas anfangen können? Denn du hast Recht, jeder hat sein Bedürfnis, und wenn das so entgegengesetzt ist, kann es auch sein, dass du dich nacheinander um die Patienten kümmern musst. So gerne man das auch möchte – man kann es nicht immer allen recht machen. Wichtig ist, dass überhaupt Menschen wie dich gibt, die sich um andere kümmern.

          Ich wünsche dir weiterhin bereichernde Besuche.

          Herzliche Grüße
          Petra

  3. Hallo Petra,

    ich freue mich sehr, dass du die Validation und das einfühlsame Zuhören bekannt machst. Das wird in Zukunft bei uns Alten, zu denen ich auch schon gehöre, sehr wichtig sein. Auch im Umgang mit meiner Mutter, die schon verstorben ist, und am Schluss so dement war, dass sie mich nicht mehr erkannte, hätte mir das manche anstrengende Diskussion erspart. Doch ich brauchte einige Jahre, bis deutlich wurde, dass sie dement war. Eine Demenz merkt man zu Beginn bei seinen Eltern ja nicht gleich. Sie sind bloß etwas störrisch. Aufgrund der Erfahrung mit meiner Mutter achte ich jetzt mehr auf Anzeichen einer Wesensveränderung und reagiere behutsamer.

    Herzliche Grüße
    Karin

    • Liebe Karin,

      ja, es liegt mir wirklich am Herzen, die Angehörigen beim Umgang mit ihren demenzkranken Angehörigen zu unterstützen. Je mehr man über den Verlauf der Erkrankung weiß, um so besser kann man das merkwürdige Verhalten einordnen. Man kann anders darauf reagieren und sich eine Menge Stress ersparen. Aber das hast du ja selbst miterlebt.
      Mich würde interessieren, welchen Tipp hast du für andere, wenn sie merken, dass ihre Eltern irgendwie seltsam oder störrisch werden? Was hätte dir denn damals geholfen?

      Herzliche Grüße
      Petra

  4. Liebe Petra

    ein grossartiger Artikel der nicht nur von viel Fachwissen und Sachverstand, sondern auch von viel Einfühlungsvermögen und grosser Menschlichkeit zeugt. An den Schulen und Universitäten wird leider vorwiegend der rationale Problemlösungsansatz gelehrt. Was du uns in deinem Artikel sagst, Petra, nämlich sich selber und seine eigene Wahrheit zurück zu nehmen um der Realität des Gegenüber den Vortritt zu lassen – – – das ist DIE hohe Schule des sozialen Zusammenlebens. Darin scheinst du eine wahre Meisterin zu sein. DANKE!

    • Lieber Daniel,

      herzlichen Dank für deine Worte. „Der Realität des Gegenübers den Vortritt lassen“ – das ist sehr schön auf den Punkt gebracht. Auch wenn diese Haltung nicht immer einfach zu leben ist, so lohnt es sich doch mit dem Blick auf das Ergebnis: ein vertrauensvolles Miteinander.

      Viele Grüße in die Schweiz
      Petra

  5. Liebe Petra,
    ich kenne einen ähnlichen „Fall“ aus dem Heim in dem ich arbeite. Eine Dame sagte zu mir “ Das sind aber schöne Rosen“ Es waren aber Nelken. Meine Reaktion kam promt “ Ja das stimmt, hatten sie auch so schöne Rosen im Garten? Nein, ich trage nie Hosen, nur Röcke. Meine Mama hat heute noch gesagt, Mädchen dürefen keine Hosen tragen“

    So ging diese Unterhaltung weiter und weiter. Die Dame war beschäftigt und viele Erinnerungen wurden wach.

Ich freue mich über deinen Kommentar ;)

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